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September 2000

Europäisches Online Jugendmagazin

 

Text: Angelica Erbslöh
Fotos: Jürgen Schramm, Köln

Die "Mare Marieke" Website

Aafke

Skipperlehrling Aafke


Mare Marieke

Die "Mare Marieke"


Hart am Wind




Besan

Am Besan ist etwas zu richten


Karte NL

Das Ijsselmeer


Axe

Skipper Axe ist auch Eigner der "Mare Marieke"


Winde

An der Winde



Kluever

Aafke (hinten im Netz)
und Maat Jeroun nach der geglückten Bergung des Klüversegels




segel

Wasser soweit das Auge blickt, schwankende Planken unter den Füßen, Wind in den Segeln, Abenteuer, Romantik - und das täglich, einen langen Sommer lang! Das ist ein Ausbildungsplatz, der das Herz höher schlagen läßt.
Das findet auch die 21jährige Aafke. Die Niederländerin aus Alkmaar ist "Skipperlehrling" auf einem Großsegler. Nach einer abgebrochenen Tischlerlehre, deren regelmäßiger Trott von 9 bis 17 Uhr sie langweilte, heuerte sie als Maat auf einem Segler an. Freiheit war ihre Devise, Naturelemente und Unvorhergesehenes erleben. Schon als Kind hat es sie als Wasser-Scout an und in das nasse Element gezogen.

Ihre ersten professionellen Schwielen holte sich Aafke während eines 7monatigen Törns auf einem Segelschoner auf der Ostsee, auf Hochseefahrt nach Dänemark und Schweden. Danach auf einem niederländischen Binnensegler - bis der Skipper sie entließ, da er einen männlichen Maat bevorzugte. Wie das? "Es gibt Skipper, die lieber mit Männern arbeiten" meint Aafke. "Der Umgangston kann dann rauher sein, den Maat kann er ordentlich anbrüllen und mal eine Schweinerei loswerden. Mit einer Frau kann er sich das nicht erlauben. Zumindest nicht mit mir!" Ihr Glück, denn so konnte sie auf der "Mare Marieke" von Skipper Axe Zaal anheuern. Die "Mare Marieke" ist ein Traumschiff: Ein historischer Zweimastklipper, 36 Meter lang, 6,60 m breit und mit 420 qm Segelfläche in der Lage, ordentlich Fahrt zu machen. Vor über 100 Jahren segelte die "Mare Marieke" als Lastschiff an der niederländischen Küste entlang. Heute transportiert sie windhungrige Touristen über das Ijsselmeer und das Wattenmeer bis zu den Inseln Texel, Vlieland und Terschelling.


Alte Segler mit neur Last


Als ehemalige Seefahrernation haben die Niederlande heute noch mit einer Besonderheit aufzuwarten, die so manchen Segelromantiker begeistert: Eine Flotte von ca. 500 Zwei- und Dreimastseglern, meist Plattbodenschiffe. Wie der Name schon sagt, sind diese Segler unten platt, d. h. sie haben keinen Kiel in der Mitte und einen extrem niedrigen Tiefgang. Sie liegen tief im Wasser, was bei viel Wind und starker Krängung (Neigung) schon mal die Wellen mit ordentlicher Kraft über Deck spülen läßt. Das ruft dann Begeisterungs- oder Angstschreie der Passagiere hervor, je nach Gemütslage.
Es sind diese Passagiere, die den Weizen und die Kohle als Lastgut abgelöst haben. Umgebaut und mit moderner Navigationstechnik ausgestattet, tun diese alten Segler heute ihren Dienst als Charterschiffe für Schulklassen, Firmenbelegschaften, Gruppen und Einzeltouristen. Oft im Privatbesitz des Skippers oder der Skipperin selbst, fahren sie unter der Flagge einer der auf Chartertouren spezialisierten Reedereien in Harlingen, Hoorn oder Enkhuisen. Die Segler sind zusätzlich mit einem leistungsstarken Motor ausgestattet, damit die engen und meist überfüllten Hafen- und Schleuseneinfahrten mit Motorkraft durchfahren werden können. Außerdem sind die Passagiere Menschen der modernen Zeit, die nach einem romantischen Segelwochenende pünktlich wieder zur Arbeit erscheinen müssen. Bei Flaute ist da ein Schiffsdiesel die letzte Rettung.


Freud und Leid mit den Passagieren


Klar, dass die Passagiere in die Arbeit an Deck einbezogen werden. Das macht für viele von ihnen ja gerade den besonderen Reiz eines solchen Törns aus. Mit vereinter Kraft die Segel heißen, die Schot dichtholen, die Leinen ordentlich aufschießen, oder auch mal unter der Aufsicht des Skippers das Steuer übernehmen. Dieser Spaß der meist segelunerfahrenen Landratten verlangt vom Skipper und seiner Crew permanente Aufmerksamkeit. Immerhin trägt der Skipper die Verantwortung dafür, dass nicht durch eine unsachgemäße Handlung der Gäste Mensch oder Schiff zu Schaden kommen.
Aafke sieht das ganze mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ihr gefällt es, in ihrem Beruf viel mit Menschen zu tun zu haben, die in Ferienstimmung sind, die in der Regel also gut drauf sind. Es kann sie aber zur Weißglut bringen, wenn jugendliche Gäste - leider sind es eher die jungen - keinen Respekt vor dem Schiff und seiner Ausrüstung haben. "Es gibt welche, die immer meckern. Weil die Disco fehlt, oder weil nicht genug Duschen da sind. Das finde ich dann eigentlich nur traurig, dass sie keine Freude an der Fahrt haben. Aber wenn sie dann mit ihren Taschenmessern Leinen durchschneiden oder die Lackierung abkratzen, kann ich das nicht verstehen und werde total wütend".


Harte Arbeit, wenig Lohn bei Kost und Logis


Um Skipperin zu werden, muß Aafke eine dreijährige Fahrpraxis auf einem Großsegler vorweisen. Während dieser Zeit unterscheidet sich Berufsalltag nicht großartig von dem eines Maats. Es ist harte körperliche Arbeit, ein paar Muckis braucht man da schon. Aafke sieht aber keinen Grund, warum Frauen diese Arbeit nicht gleichermaßen machen können wie Männer. "Es ist eine Frage der Technik. Wenn mir erklärt wird, wie man die Muskelkraft am wirkungsvollsten einsetzt, geht das". Die Tatsache, dass inwischen fast 50% der Segler-Crews aus Frauen bestehen, scheint ihr recht zu geben.

Schlecht ist allerdings die Entlohnung für die harte Arbeit. 20 bis 35 Gulden pro Tag sind wohl eher ein Taschengeld. Dafür gibt es Kost und Logis gratis. Unter Kost ist zu verstehen, das die Crew das von den Passagieren Gekochte mitessen kann. Wenn dann aber eine Jugendgruppe eine Woche lang nichts anderes als Spaghetti mit Ketchup auftischt, ist das wenig befriedigend. Logis heißt, dass die Crew das Jahr über auf dem Schiff wohnt. Viele Matrosen und auch Skipper haben gar keine Wohnung an Land.


Schnelle Reaktion und sicheres Handeln sind gefordert


Generell muß das Schiff von der Crew ständig in Ordnung gehalten werden. Da der Wind der wahre Herrscher über das Schiff ist, hält er die Menschen immer in Bewegung. Blöcke und Wanten müssen überprüft, Segel und Tauwerk ordentlich aufgerollt und verstaut werden, Leinen müssen zum hundertsten Mal am Tag entwirrt und akkurat aufgerollt werden, damit sie beim nächsten Manöver ungehindert dem Zug des Segels nachgeben können. Bei diesem "Fieren" wäre ein Knoten fatal. Während der Fahrt sind natürlich die Kommandos des Skippers auszuführen. Er legt den Kurs fest, er bestimmt, wann welche Segel gesetzt oder geborgen werden müssen. Die Handgriffe zur Ausführung der Kommandos müssen absolut sicher sitzen. Jäh kann der Wind umschlagen, hinten muß das Besansegel gerefft werden, dann vorne das Focksegel. Kurz vor dem Einlaufen in einen Hafen wird auch das Großsegel eingeholt. Dann heißt es für Aafke zusätzlich dafür zu sorgen, dass die Passagiere, die gerade locker an Deck ihren Kaffe trinken, auf ihre Köpfe aufpassen, denn dann kann schon mal ganz plötzlich der Großbaum von Backbord nach Steuerbord umschlagen.

Es kann auch etwas ganz Unvorhergesehenes passieren: z. B. es bricht eine Leine und das große vordere Klüversegel flattert (seemännisch: killt) mit ohrenbetäubendem Geknatter lose im Wind. Dann riskiert Aafke auch schon mal einen gewagten Hechtsprung in das Netz unter dem Klüverbaum, wo sie, direkt über der Gischt schwankend, mit ihren Händen die riesige Segelfläche unter Kontrolle zu bekommen versucht. Da kann sie auch ganz resolut und laut werden und den Rest der Crew und einige Passagiere zum Bug kommandieren, um ihr bei der Bergung des Segels zu helfen.


Respekt vor den Naturgewalten


Empfindet sie manchmal Angst? Etwas unwillig gibt Aafke zu, in manchen Situationen Angst zu haben. "Das richtige Wort ist eigentlich Respekt, ich habe Respekt vor den Naturgewalten. Aber Angst habe ich manchmal schon. Aber die Gäste dürfen das nie merken. Wenn der Wind zu stark ist, und wenn etwas kaputt geht, habe ich Angst, dass jemand verletzt wird. Oder auch, dass die eigenen Hände verletzt werden. Unsere Hände sind bei dieser Arbeit immer gefährdet."
Neben der praktische Arbeit an Bord muß ein Sipperlehrling natürlich auch viel Theorie büffeln: Astronomie und Karten lesen, Kompasskurs abstecken, Gezeitenberechnung und Wetterkunde, Physik und Maschinenkunde. Am Ende der Ausbildung steht eine theoretische Prüfung. Zeit zum Lernen findet Aafke eigentlich nur im Winter, nach der Saison. Wer aber denkt, dass ein Skipper im Winter nichts zu tun hat, irrt sich. Da außerhalb der Saison mit Segeln kein Geld verdient werden kann und auch keine Löhne an die Crew bezahlt werden, verdingen sich die meisten an Land. Sie arbeiten im Schiffbau oder im Innenausbau auf einer Werft oder machen andere Jobs. Und natürlich wird im Winter am Schiff gebastelt, repariert und angestrichen. Aafkes Lehrherr, Skipper Axe, ist ein verwegener Regatta-Segler, der schon manchen Sieg mit der "Mare Marieke" errungen hat. Da heißt es, im Winter die Ausrüstung zu verbessern, neue Segel auszuprobieren und auch nach Sponsoren zu suchen. Der ganze Stolz von Skipper Axe und seiner Crew ist das riesige Spinnaker, das bei der Regatta für enorme Geschwindigkeit sorgt.
Nach den drei Jahren Ausbildung wird Aafke ihre Skipperprüfung machen. Als Skipperin wird sie dennoch nicht gleich arbeiten wollen. "Ich bin doch noch so jung, es fehlt mir einfach an Erfahrung, auch an Lebenserfahrung, um eine solche Verantwortung jetzt schon tragen zu können". Also wird sie noch einige Zeit auf der "Mare Marieke" fahren, oder auf einem anderen Segler, auf dem Ijsselmeer oder auf einem anderen Gewässer in der Welt. "Ich gehe dahin, wohin der Wind mich bringt".

 

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